Lucas 1

ALBRECHT1926

1 Schon viele haben versucht, einen Bericht über die bei uns als sicher geltenden Begebenheiten

2 nach der Erzählung der ursprünglichen Augenzeugen und Diener des Wortes abzufassen.

3 So habe auch ich mich entschlossen, allen diesen Begebenheiten bis zu ihren Ausgangspunkten mit Sorgfalt nachzugehen und sie für dich, hochedler Theophilus, zusammenhängend aufzuzeichnen,

4 damit du deutlich einsiehst, daß alles, was du durch mündliche Belehrung vernommen hast, in jeder Hinsicht wahr und zuverlässig ist.

5 Zur Zeit des jüdischen Königs Herodes

6 Beide waren rechtschaffen vor Gott und wandelten in allen Geboten und Satzungen des Herrn ohne Tadel.

7 Sie waren aber kinderlos, denn Elisabet war unfruchtbar; und beide standen schon in vorgerücktem Alter

8 Als Zacharias nun einst mit seiner Ordnung

9 da fiel ihm eines Tages - wie bei den Priestern Sitte war

10 während die ganze Menge des Volkes

11 Da erschien ihm ein Engel des Herrn, der stand auf der rechten Seite des Räucheraltars

12 Bei seinem Anblick erschrak Zacharias, und Furcht befiel ihn.

13 Aber der Engel sprach zu ihm: "Fürchte dich nicht, Zacharias! Dein Gebet

14 Er wird deine Freude und Wonne sein, und viele werden sich über seine Geburt freuen.

15 Denn nach des Herrn Urteil wird er bedeutend sein. Wein und berauschende Getränke wird er nie genießen

16 Viele von Israels Söhnen wird er zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren.

17 Ja in Elias Geist und Kraft wird er vor dem Herrn als Herold hergehen

18 Zacharias sprach zu dem Engel: "Wie soll ich das für möglich halten

19 Der Engel erwiderte ihm: "Ich bin Gabriel

20 Sieh, bis zu dem Tag, wo dies geschieht, sollst du stumm sein und nicht reden können zur Strafe dafür, daß du meinen Worten nicht geglaubt, die sich zu ihrer Zeit erfüllen werden

21 Das Volk wartete indes auf Zacharias und war verwundert, daß er so lange im Heiligtum weilte.

22 Als er heraustrat, konnte er kein Wort zu ihnen reden

23 Als seine Dienstwoche zu Ende war, kehrte er wieder heim.

24 Um diese Zeit ward sein Weib Elisabet guter Hoffnung. Die ersten fünf Monate verließ sie ihre Wohnung nicht

25 "Dies hat der Herr an mir getan: jetzt hat er meine Schmach bei den Menschen in Gnaden weggenommen

26 Im sechsten Monat

27 zu einer Jungfrau, die verlobt war mit einem Mann aus dem Haus Davids, namens Josef; die Jungfrau hieß Maria

28 Als der Engel bei ihr eintrat, sprach er: "Sei gegrüßt, du Begnadigte! Der Herr ist mit dir."

29 Bei diesen Worten geriet sie in Verwirrung und fragte sich, was dieser seltsame Gruß bedeuten solle.

30 Da sprach der Engel zu ihr: "Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade bei Gott gefunden.

31 Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn bekommen, des Namen sollst du Jesus nennen

32 Der wird gewaltig sein und ein Sohn des Höchsten heißen. Ja Gott der Herr wird ihm den Thron seines Ahnherrn David geben,

33 und er wird über Jakobs Haus in Ewigkeit herrschen, und sein Königtum wird kein Ende haben

34 Da sprach Maria zu dem Engel: "Wie soll das möglich sein? Ich habe ja keinen Ehegatten."

35 Der Engel entgegnete ihr: "Heiliger Geist wird über dich kommen, und des Höchsten Kraft wird dich überschatten

36 Auch deine Verwandte Elisabet

37 Denn bei Gott ist nichts unmöglich

38 Maria sprach: "Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe nach deinem Wort." Da schied der Engel von ihr

39 Bald darauf begab sich Maria ohne Verzug in eine Stadt des judäischen Berglandes

40 Sie trat in des Zacharias Haus und begrüßte Elisabet.

41 Als Elisabet Marias Gruß vernahm, da hüpfte das Kind in ihrem Schoß. Zugleich ward Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt,

42 und mit lautem Freudenschrei rief sie aus: "Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist das Kindlein in deinem Schoß!

43 Doch warum wird mir diese Ehre zuteil, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?

44 Denn siehe, als dein Gruß in meine Ohren klang, da hüpfte das Kind vor Freude in meinem Schoß

45 Heil dir, die du geglaubt hast, daß sich des Herrn Verheißung an dir erfüllen wird!"

46 Da sprach Maria

47 und mein Geist frohlockt über Gott, meinen Retter;

48 denn er hat seine niedrige Magd gnädig angesehen

49 denn der Allmächtige hat Großes an mir getan. Sein Name ist heilig

50 und sein Erbarmen erweist sich von Geschlecht zu Geschlecht an denen, die ihn fürchten

51 Mit seinem Arm vollbringt er gewaltige Taten, er macht zuschanden alle, die in ihrem Herzen Hoffart sinnen

52 Mächtige stößt er vom Thron, und Niedrige hebt er empor

53 Hungrige füllt er mit Schätzen, und Reiche läßt er leer ausgehen

54 Er hat sich seines Knechtes Israel in Liebe angenommen

55 denn nach den Worten, die er einst geredet hat zu unseren Vätern, will er nun

56 Maria blieb etwa drei Monate bei Elisabet; dann kehrte sie wieder in ihre Heimat zurück.

57 Als für Elisabet die Stunde der Niederkunft kam, gebar sie einen Sohn.

58 Bei der Kunde, daß der Herr so große Barmherzigkeit an ihr getan, freuten sich ihre Nachbarn und Verwandten mit ihr.

59 Am achten Tag versammelte man sich zu der Beschneidung des Knaben. Man wollte ihm nach seinem Vater den Namen Zacharias geben.

60 Seine Mutter aber erhob Einspruch dagegen und sagte: "Nein, er soll Johannes heißen."

61 Man wandte ihr ein: "Kein einziger aus deiner Verwandtschaft trägt diesen Namen."

62 Nun fragte man seinen Vater durch Zeichen, welchen Namen er für ihn bestimme.

63 Da ließ er sich ein Täfelchen bringen und schrieb darauf: "Johannes ist sein Name." Alle staunten

64 Sofort öffnete sich sein Mund, seine Zunge ward gelöst, er konnte wieder reden und pries Gott.

65 Da wurden alle Leute in der Nachbarschaft von heiliger Scheu ergriffen. Ja in dem ganzen Bergland von Judäa sprach man von allen diesen Begebenheiten

66 Jeder, der davon hörte, behielt es im Gedächtnis und fragte sich: "Was wird wohl aus diesem Kind werden?" Denn die Hand des Herrn war in der Tat mit ihm.

67 Sein Vater Zacharias, vom Heiligen Geist erfüllt, sprach damals

68 "Gepriesen sein der Herr, der Gott Israels

69 Ja einen starken Retter hat er uns erstehen lassen in dem Haus seines Knechtes David

70 wie er von altersher durch seiner heiligen Propheten Mund verheißen hat - :

71 Um uns von unseren Feinden zu erretten und aus den Händen aller, die uns hassen

72 Damit will er Barmherzigkeit beweisen unseren Vätern und auch gedenken seines heiligen Bundes

73 Des Eides, den er unserem Vater Abraham geschworen

74 Darum schenkt er uns die Gnade, der Feinde Händen zu entrinnen und ihm, von aller Furcht befreit, zu dienen,

75 indem wir heilig und gerecht all unsere Lebenstage vor ihm wandeln.

76 Du aber, Kind, sollst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst vor dem Herrn hergehen, ihm die Wege zu bereiten

77 Du sollst sein Volk zu der Erkenntnis jenes Heils führen, das sie erlangen werden durch Vergebung ihrer Sünden

78 Die schenkt uns das Erbarmen unseres Gottes, durch dessen Gnadenblick uns strahlt ein Lichtglanz aus der Höhe

79 der denen leuchten soll, die jetzt in Finsternis und Todesschatten sitzen

80 Der Knabe aber wuchs heran und erstarkte im Geist. Er lebte später in der Wüste bis zu dem Tag, da er öffentlich vor Israel auftrat.

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